Der Zweite Weltkrieg im Bezirk

Untrennbar mit der Kindheit unserer Interview-Partnerinnen ist die Zeit des Nationalsozialismus verbunden. In unterschiedlichen Situationen krakte der Zweite Weltkrieg über die Front hinaus ins Hinterland des Bezirks hinein und zeigte sich über Armut, Mutterkreuz, DichterFliegeralarm, Schulalltag.

Zwei Diplomarbeiten, die am Institut für Geschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz verfasst wurden beschäftigen sich genauer mit dem Nationalsozialismus im Kreis Voitsberg (Martin Amschl) und dem Widerstand im Bezirk (Judith Tinnacher).

Einige interessante Details aus dieser Zeit haben wir für Heimat@Töchter zusammengefasst:

Nationalsozialismus im gesellschaftlichen Alltag

  • Der Kreisleiter Anton Weißensteiner hielt als erster 1938 eine Weihestunde mit seiner Gemahlin ab, um ein Beispiel für eine nicht kirchliche Hochzeit zu geben.
  • Die NS-Frauenschaft veranstaltete im Juli 1939 das erste „Fest der Namensgebung“ als Alternative zur katholischen Taufe.
  • Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt errichtete drei Kindergärten im Bezirk.
  • Erntehelferinnen des BDM waren auch im Bezirk Voitsberg tätig.
  • Im Schuljahr 1940/1941 wurde der Religionsunterricht erstmals von einem Lehrer anstatt eines Pfarrers abgehalten.
  • Durch den Krieg herrschte Arbeitskräftemangel, weshalb immer öfter Frauen die Stellen der eingerückten Männer in der Industrie übernahmen. Diese „Werkablöse“ wurde für Propagandazwecke inszeniert.
  • Kreisleiter Eisner hielt 1942 eine Rede bei der Schuljahresfeier der Hauswirtschaftsschule Bärnbach, bei der er den Mädchen sagte, es müsse ihr Ziel sein eine „tüchtige Hausfrau und Mutter“ zu werden.
  • Im Jahr 1942 fällt auch eine besondere Konzentration auf Versammlungen der NS-Frauenschaft auf (13 mit insgesamt über 1000 Teilnehmerinnen), bei der jedes Mal Kreisleiter Eisner sprach. Die Muttertagsfeiern waren der propagandistische Höhepunkt des Monats Mai. Die Opferbereitschaft der Mütter wurde dabei besonders hervorgehoben.
  • Der Einsatz von Zwangsarbeitern verstärkte sich 1944 zunehmend. Im Rayon des Gendarmeriepostens Stallhofen mussten im Juli 1944 insgesamt 211 Ukrainer und Franzosen für das „Dritte Reich“ arbeiten.

Widerstand und Zustimmung

  • Aufgrund der zahlreichen Bergbauern und dem sozialdemokratisch geprägten Bezirk, hatte es der Nationalsozialismus anfangs nicht leicht, sich in der Region durchzusetzen. So wurde gerade für die Arbeiterschaft mit dem Nationalsozialismus als dem „wahren Sozialismus“ argumentiert.
  • Der Heimatdichter Hans Klöpfer hatte dagegen die Aufgabe, gerade die Bauern auf den Nationalsozialismus einzuschwören.
  • Am 30. Jänner 1939 hisste Kaplan Gölles in Ligist am Turm der Pfarrkirche eine rot-weiß-rote Fahne mit Doppeladler als Zeichen des katholischen Widerstandes.
  • 1939 wurden einige kommunistische Mitarbeiter der Glasfabrik verhaftet.
  • Eine kommunistische Radioanlage wurde 1939 in Steinberg entdeckt.
  • Personen, die ihren Unmut zum Kriegsausbruch öffentlich äußerten wurden sofort angezeigt und verhaftet, genauso „notorische Blaumacher“ und Alkoholiker.
  • Ab 1940 leisteten kommunistische Arbeiter im Bezirk energischen Widerstand. Die Widerstandsorganisation bestand aus 6 Ortsgruppen und wird auf 250 – 280 Mitglieder geschätzt. – Als Zeichen des Widerstands wurden Produktionsabläufe gestört, der Arbeit wurde gemeinschaftlich ferngeblieben oder kommunistische Zeichen und Parolen wurden auf Wände und Straßen gemalt.
  • Der Gestapo gelang es allerdings die Widerstandsorganisation zu unterwandern, was zu einer großen Verhaftungswelle 1941 führte. 160 Personen wurden verhaftet. Zwölf Angeklagten wurde Hochverrat vorgeworfen, neun wurden zum Tode verurteilt und in Graz hingerichtet. Zweiundzwanzig starben während der Haft.
  • 1941 erhielt eine Gradenbergerin als erste Frau des Kreises das Goldene Parteiabzeichen. Sie trat bereits 1926 der NSDAP bei, gründete die erste NS-Frauenschaft im Kreis Piber und stellte ihr Haus für illegale Parteiarbeit in der Zeit des Betätigungsverbots der NSDAP zur Verfügung.
  • 1943 regte sich immer mehr Unmut bei den Bauern. „Habsburgeraffinität“ wurde bekannt, große Unzufriedenheit mit den Ablieferungspflichten wurde gegenüber der Kreisbauernschaft geäußert. Und Ende November erfolgte die strengste Bestrafung von Schwarzschlächterei: Ein Mann und eine Frau wurden zu acht bzw. drei Jahren Haft verurteilt.

Verfolgung

  • Im März 1938 wurden mit Hilfe der Gendarmerieposten alle jüdischen BürgerInnen erhoben. Ein Jahr später lebten nur mehr vier im Kreisgebiet. Den meisten gelang es, bis zum Mai 1939 nach Palästina auszuwandern.
  • Namentlich verzeichnet sind Camilla Zrust und Clara Braun, die beide ins KZ Theresienstadt deportiert wurden. Camilla Zrust überlebte und kehrte 1945 zurück nach Voitsberg, Clara Braun überlebte nicht. Robert Hahn wurde auf der Flucht im jugoslawischen Kladovo von der SS erschossen. Über Helene Goll, der die Flucht gelang, ist des weiteren bekannt, dass sie als eine der letzten JüdInnen 1941 noch in Voitsberg lebte und ein Radiogerät besaß. Dieses wurde ihr am 28.09.1941 abgenommen.
  • Verfolgt wurden auch einige chinesische Händler, die im Kreis Voitsberg tätig waren. Die Gestapo versuchte diese 1939 zu erfassen und abzuschieben. Nach der Verhaftung von fünf Chinesen und dem Aussprechen eines Aufenthaltsverbots im Kreis musste dieses wieder nach zwei Wochen aufgehoben werden, da bei der chinesischen Botschaft in Wien Beschwerde eingelegt wurde und alle Reisepässe der Kaufleute gültig waren.
  • Auch Kirchenvertreter fanden sich unter den Verfolgten. 1938 wurde ein Pfarrer aus Piber inhaftiert, 1939 wurden die Teilnehmerinnen einer Fronleichnamsprozession von Nationalsozialisten verspottet und fotografiert. Kurz erhielt der Kainacher Pfarrer Kreisverbot. In Mooskirchen wurde der Kaplan wegen Abhörens von Auslandssendern von der Gestapo verhaftet und für zwei Jahre inhaftiert.
  • 1942 wurden zahlreiche kommunistische Widerstandskämpfer des Kreisgebiets hingerichtet.
  • Insgesamt 36 Menschen fielen aufgrund ihres Widerstands der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Kreis Voitsberg zum Opfer. Ihnen ist ein Denkmal neben der Michaelskirche gewidmet, das 1949 errichtet wurde. Das Denkmal wurde ursprünglich neben dem heutigen Stadtcafe platziert, 2003 wurde es allerdings versetzt und neben dem Kriegerdenkmal hinter der Kirche aufgestellt.
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